Zum Aufbau der Infrastruktur in Eurasien

Interview mit Folker Hellmeyer

von Benjamin Summa
26.06.2015

„Ich favorisiere alle Branchen, die mittel- bis langfristig mit dem Aufbau der Infrastruktur in Eurasien zu tun haben. Dazu gehören der Anlagen- und Maschinenbau und natürlich die Chemieindustrie. Mir gefallen auch Automobilwerte gut. Ich erwarte, dass sich die konjunkturelle Lage – insbesondere in den Schwellenländern – im Jahresverlauf weiter verbessern wird. Das wird positive Akzente auf der Nachfrageseite setzen. Das ist sicherlich keine Mainstream-Sichtweise derzeit, aber ich fühle mich deswegen umso wohler mit meiner Analyse…
Schaden diese Wirtschaftssanktionen der deutschen Wirtschaft tatsächlich so stark?
Ich halte die Russland-Politik, die der Westen verfolgt, für vollkommen verfehlt. Die USA haben eine aktive Rolle beim Regimewechsel in Kiew gespielt und einen Staatsstreich forciert. Vor diesem Hintergrund stellt sich für mich ganz klar die Frage, wer der Aggressor ist. Bei diesem Staatsstreich war für mich der demokratischste Prozess die Abstimmung der Bevölkerung der Krim, sich Russland anzuschließen – 93 Prozent der Wähler stimmten im Referendum für den Russland-Beitritt. Diese verfehlte Politik hat schwerwiegende wirtschaftliche Auswirkungen: In den ersten vier Monaten sind die Exporte aus Deutschland nach Russland um 33 Prozent auf Jahresbasis zurückgegangen. Wir haben auch Sekundäreffekte: EU-Länder wie Österreich und Finnland sind noch schwerer von der Sanktionspolitik gegenüber Russland betroffen. Diese Länder bestellen dann auch weniger in Deutschland. Zudem bauen internationale Großunternehmen wie Daimler Produktionsstätten in Russland auf – das ist nichts anderes als entgangener Kapitalstock für Westeuropa. Und das Schlimmste: Der Westen spielt bei der größten Wachstumsgeschichte seit dem Bau der Chinesischen Mauer keine wesentliche Rolle mehr, nämlich beim Aufbau der eurasischen Infrastruktur – von Moskau bis Wladiwostok, bis Südchina, Südindien und Afrika. Siemens hat beispielsweise kürzlich bei der Bahnstrecke Moskau – Kasan den Kürzeren gezogen. Russland sucht sich neue Versorgungswege. Auch wenn wir irgendwann eine Normalisierung des Verhältnisses auf politischer Ebene sehen werden, wird es Jahre dauern, bis der Westen dort wieder wirtschaftlich Fuß fassen kann…
Wann rechnen Sie mit einer substanziellen Zinsanhebung und welche Auswirkungen wird dieser Schritt dann auf die Finanzmärktehaben?
Ich schließe nicht aus, dass die amerikanische Zentralbank die Leitzinsen in den kommenden neun bis zwölf Monaten um bis zu einem halben Prozent erhöht, ich schließe aber definitiv eine substanzielle Zinswende aus. Die fragile US-Wirtschaft würde das gar nicht aushalten.
Die USA haben – anders als die Eurozone – seit 2008 keine Strukturreformen gemacht. Die Wirtschaft jenseits des Atlantiks ist heute fragiler als vor der Lehman-Pleite. Die mittleren Einkommen – das ist die entscheidende Größe – sind nominal seit 2008 um gut drei Prozent gestiegen, die Konsumverschuldung ist im selben Zeitraum um 25 Prozent, die bei Automobilkrediten um 24 Prozent und die bei den Studentenkrediten um 130 Prozent angestiegen.
Zinserhöhungen hätten also eine dramatische Wirkung auf das potenzielle Konsumverhalten der Amerikaner – und die US-Wirtschaft hängt, wie wir wissen, sehr stark am Konsum.
Seitdem die Fed die quantitativen Maßnahmen eingestellt hat, ergibt sich gegenüber der Erwartungshaltung ein dramatisch verlangsamtes Wachstum: Im vierten Quartal 2014 haben wir ein Wachstum von knapp zwei Prozent gesehen, im ersten Quartal dieses Jahres minus 0,2 Prozent und jetzt wieder um die zwei Prozent. Das ist übrigens sehr beschönigend, denn die Methoden zur Berechnung der Wirtschaftsleistung der USA sind nicht vergleichbar mit den Methoden, die wir in Europa haben.
Wann geht der Höhenflug des Dollars Ihrer Meinung nach zu Ende?
Ich halte es für hochwahrscheinlich, dass wir uns diesbezüglich in einem Prozess der Bodenbildung befinden und die Tiefstkurse bei 1,05 US-Dollar gesehen haben. Ich rechne damit, dass der Euro gegenüber dem Dollar zum Jahresende bei 1,20 oder leicht darüber tendieren wird…
Welche Prognose haben Sie in Bezug auf den Goldpreis?
Wir sehen seit mittlerweile vier Jahren eine massive Korrektur am Goldmarkt. Ich bin der Meinung, dass wir bei einer Bodenbildung angekommen sind. Die Tatsache, dass der Goldpreis überhaupt nicht mehr auf geopolitische oder markttechnische Zuspitzungen reagiert, ist für mich Ausdruck dessen, dass viele Märkte nicht mehr funktional sind. Der Algorithmushandel weniger Banken determiniert den Preis und nicht etwa die physischen Märkte, nicht die reale Nachfrage. Das ist ein endliches Spiel. Je mehr die physischen Bestände von westlichen Tresoren in solche der aufstrebenden Länder – allen voran Russland, China und Indien – wandern, desto schneller werden wir sehen, dass die Preissensibilitäten beim Gold steigen. Der aktuelle Preis des Edelmetalls ist meiner Ansicht nach sehr attraktiv, um sich noch mittel- bis langfristig für eine Hausse in diesem Bereich aufzustellen. Die aufstrebenden Länder bauen gerade ein neues Weltfinanzsystem auf – dabei spielt das Edelmetall eine große Rolle. Aber eines muss hinzugefügt werden: Investoren brauchen einen langen Atem, um an den künftigen Entwicklungen am Goldmarkt zu partizipieren.

… Es ist immer noch ein langer Weg, den die Eurozone zu gehen hat, aber die Richtung stimmt! Nach den ökonomischen und gesellschaftspolitischen Schmerzen, die die Reformpolitik mit sich brachte, wird jetzt sukzessive die konjunkturelle „Ernte“ eingefahren.

Diese „Ernte“ hat einen soliden strukturellen Unterbau, der von wiederkehrenden Einkommen geprägt ist (USA durch Kredite getrieben). Das bedingt Zukunftsfähigkeit. Es wird auch die Grundlage dafür sein, dass wir Richtung Ende des vierten Quartals 2015 eine Debatte über die Notwendigkeit einer Veränderung der EZB-Politik führen werden.

Die Unterschiede zu den Reformverweigerern USA, Japan und partiell UK könnten fundamental nicht ausgeprägter sein …

 

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